Corona und die Folgen

02.04.2020

Was läuft da falsch? Die Kinder dürfen nicht in die Schule. Die meisten Geschäfte sind geschlossen. Der Strassenverkehr ist massiv reduziert. Auf den Bahnhöfen herrscht gähnende Leere. Die Menschen befolgen die Anweisungen der Behörden. In meinem langen Leben habe ich so viel Gehorsam nie erlebt. In einer direktdemokratischen Gesellschaft ist normal, dass man sich über die wichtigen Dinge der Gemeinschaft streitet. In der politischen Auseinandersetzung an der Urne gibt es Gewinner und Verlierer. Die Verlierer gehorchen, aber nur knurrend. Die Behörden haben erstmals seit siebzig Jahren den Notstand ausgerufen und verordnen massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens ohne demokratische Prüfung. Natürlich ist dieses Handeln durch die Verfassung legitimiert. Aber nur zeitlich beschränkt und nur im Notfall. Zum Vergleich: Der Klimawandel ist offenbar kein Notfall. Die Bedrohung ist ein Virus. Aus dem Studium der unzähligen Berichte, die täglich ins Haus geschwemmt werden, entnehme ich: Das Virus ist sehr ansteckend. Der Krankheitsverlauf ist unterschiedlich und streut von «kaum bemerkbar» bis «tödlich». Je jünger die Menschen sind, desto harmloser verläuft in der Regel die Krankheit. In normalen Zeiten halten die gesunden Menschen das öffentliche und das wirtschaftliche Leben in Gang. Nicht so jetzt. Warum? Die potentiell gefährdeten Menschen müssen vor der Infektion und das Gesundheitswesen vor dem Kollaps geschützt werden. Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigen, dass sich die Gefährdeten eingrenzen lassen. Es sind Menschen mit gewissen Vorerkrankungen. Der Kollaps wird erwartet. Vorläufig ist er – zum Glück – hypothetisch. Mathematiker haben ein Rechnungsmodell erstellt. Das Ergebnis eines Rechenmodells hängt von der Güte der verwendeten Parameter ab. Hypothetisch könnten die Intensivstationen überlastet sein. Tatsächlich sind sie es heute nicht. Täglich werden Todesfälle gezählt. In der Schweiz sterben in diesen Tagen nicht mehr Menschen als im Vorjahr zur gleichen Zeit. Das wird aber meistens nicht erzählt. Täglich werden uns Ansteckungskurven gezeigt. Diese Kurven sind völlig wertlos. Denn die Daten sind nicht nach wissenschaftlichen Standards erhoben worden. Entweder müssten in periodischen Abständen repräsentative Stichproben oder flächendeckende Tests durchgeführt werden. Weder die eine noch die andere Anforderung ist erfüllt. In Erwartung einer Katastrophe muten wir uns grosse Einschränkungen in den durch die Bundesverfassung festgeschriebenen Freiheitsrechten zu. Wir fahren die wirtschaftliche Tätigkeit an die Wand und riskieren Arbeitslosigkeit und Armut. Viele Familien mit Kindern sind durch die aktuellen Massnahmen zusätzlich extremen Belastungen ausgesetzt. Kinder aus schwächeren Familien sind noch stärker benachteiligt, weil das geforderte Arbeiten zuhause die schon zuvor vorhandene Überforderung noch verstärkt. Wir riskieren eine Zunahme der häuslichen Gewalt usw. Ist das «Bleib daheim» wirklich die alternativlose Lösung? Jetzt ist noch Zeit für einen verantwortungsvollen Umstieg in eine ausgewogenere Strategie. Hygienemassnahmen sollen unbedingt beibehalten werden. Wer einschlägige Symptome feststellt, begibt sich in Selbstquarantäne. Auf Grossveranstaltungen ist vorläufig zu verzichten. Der entstandene Schaden kann durch den Staat finanziert werden. Die Kinder gehen am 4. Mai wieder zur Schule. Sie sind dort nicht gefährdet. Schwierig bleibt die Situation für Menschen mit bereits überlastetem Immunsystem. Den Familien ist zuzutrauen, dass sie vernünftige Lösungen finden, um ihren Nächsten doch noch ein würdiges, wenn auch eingeschränktes Leben zu ermöglichen. Die Geschäfte müssen wieder öffnen. Und noch etwas: Von der Gesinnungssolidarität wechseln wir in die Kooperation. Oder anders ausgedrückt: Vom Modus des Gehorsams wechseln wir wieder in den Modus der Verständigung und der Selbstverantwortung.

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